© Sigrid Gerster

Pyrolyse gilt als neues Zaubermittel zur Aufwertung von Böden und Bindung von CO2. Was ist dran? Auf der  Grünstadtwanderung „Feuer“ gibt es Antworten.

Bei bestem Spätsommerwetter folgen rund 20 Teilnehmende der Einladung von Lenzburgs GRÜNEN, und finden sich am Samstagnachnittag vor dem Tommasini ein. Bei der dritten Grünstadtwanderung nach „Wasser“ und „Erde“ ist heute das Feuer Thema, genauer: der Prozess der Pflanzenkohlegewinnung oder Pyrolyse.

Hauptreferent Martin Schmid führt ins Thema ein. Sein Feuer für die Pyrolyse ist spürbar und steckt die Zuhörenden im Nu an. Ganz einfach ist die Materie nicht, darum lockert Martin Schmid seinen Vortrag mit vielen Schaubildern und Geschichten auf. Viel ist von Kreisläufen zu hören, und sogar davon, dass wir Menschen mit der Pyrolyse den Schlüssel in der Hand halten, strapazierte Oberflächen der Erde wieder aufzuwerten und die CO2 Bilanz in grossem Massstab zu verbessern.

Dabei ist es im Grunde ganz einfach: Holzstücke, trockenen Zitronenschalen und andere grobe Pflanzabfälle eignen sich nicht zur Kompostierung. Mit der kontrollierten, teilweisen Verbrennung dieser Abfälle, der Pyrolyse, werden sie in wertvolle Pflanzenkohle gewandelt. Bei dem Verbrennungsprozess wird so viel Energie in Form von Wärme frei, dass es sich bei industriellen Anlagen lohnt, diese z.B. in einen Fernwärmeverbund einzuspeisen. Die gewonnene Pflanzenkohle wiederum kann in sehr vielen Bereichen eingesetzt werden, z.B. als Aktivkohle in Filtern oder als Heilmittel bei Verdauungsproblemen. Erwiesen ist auch, dass Pflanzenkohle Böden stark aufwertet, wozu verschiedene Faktoren beitragen. Beispielsweise unterstützt Pflanzenkohle die Arbeit der Mikroorganismen im Boden, so dass Humus sehr viel schneller aufgebaut werden kann: regenerative Landwirtschaft! Sogar Erde, die mit dem Schwermetall Cadmium belastet war, konnte mittels Pflanzenkohle wieder für die Lebensmittelproduktion genutzt werden. Doch die Pyrolyse bietet noch einen weiteren, unschätzbar grossen Vorteil: sie hilft, Kohlendioxid chemisch zu binden. So kann sie einen gewichtigen Beitrag zur Reduktion des CO2 in der Atmosphäre leisten.

Nach einem Spaziergang dem Aabach entlang besichtigten die Teilnehmenden die Biogasanlage / Kompostieranlage der Häfeli AG. Betriebsleiter Thomas Dössegger erklärte fachkundig und engagiert, wie hier in etlichen Verarbeitungsstufen aus Pflanzabfällen Komposterde entsteht. Und tatsächlich fällt in diesem Prozess viel grobes Material an, das sich nicht für die Kompostierung eignet, aber mit der Pyrolyse genutzt werden könnte. Derzeit wird es noch gebührenpflichtig in der Kehrrichtverbrennung entsorgt.

Die Gruppe wandert zurück zum Aabach. Der praktische Teil folgt. Flugs führt Martin Schmid verschiedene Gerätschaften vor, mit denen die Pyrolyse auch privat genutzt werden kann. Nasses Holz? Kein Problem, der handliche Pyrolysekocher erhitzt das Wasser zuverlässig und schnell, und produziert sogar noch Strom zum Aufladen des Mobiltelefons. Wer Pflanzenkohle im häuslichen Schwedenofen erzeugen will, kann dazu einen handelsüblichen Gastrobehälter aus Edelstahl mit groben Pflanzabfällen füllen. Anzünden, Deckel drauf – das ist wichtig! – und schon beginnt die Magie der Pyrolyse. Ist der eingelagerte Sauerstoff verbraucht, endet die Verbrennung von allein. Zurück bleibt Holzkohle. Diese ist geruchslos und sogar essbar, was experimentierfreudige Teilnehmende bestätigen. Die Hitze der drei grösseren Öfen wird schliesslich zum Grillieren von Maiskolben, Kartoffeln und Würstchen genutzt. So klingt der facettenreiche Nachmittag im Zeichen der Pyrolyse am Aabach gesellig aus.

Text: Anja Kroll
Fotos: Sigrid Gerster (Close Up Pyrolyse-Öfen / Beitragstitelbild, Tommasini, Fermenter, Schlussbild) / Anja Kroll (alle anderen)

Martin Schmid referiert vor dem Tommasini © Sigrid Gerster
Fermenter der Biogasanlage Häfeli in Lenzburg © Sigrid Gerster
Die Kompostbiege muss zehn Mal gewendet werden, bis sichergestellt ist, dass alles Material in den Genuss der Kerntemperatur von 65° C gekommen ist
Thomas Dössegger, Betriebsleiter der Biogasanlage, erläutert Verfahrensschritte der Kompostierung. Dieses Material könnte mittels Pyrolyse verwertet werden. Stattdessen wird es derzeit noch kostenpflichtig in der KVA entsorgt.
Am Aabach feuert Martin Schmid den kleinsten der gezeigten Pyrolyse-Öfen an
Pyrolyse-Öfen im Einsatz als Grill © Sigrid Gerster